Festivalbeitrag / 2023
Keep on dancing
Rückblick
Bewegung als gemeinsamer Bühnenraum.
„Keep on dancing“ war Dreamlouds Beitrag zum Festival „fünfzehnminuten“ am 21. Januar 2023 in der TanzFaktur Köln. Der erhaltene Aufführungsmitschnitt zeigt ein stark körperlich und choreografisch geprägtes Ensembleformat.
Auf einer weitgehend leeren Bühne entsteht die Inszenierung vor allem durch die Körper der Performenden, ihre Wege durch den Raum und das fortwährende Neuordnen der Gruppe. Gemeinsame Formationen wechseln mit einzelnen Aktionen, schnellen Läufen, Bodenarbeit und Momenten, in denen das Ensemble beinahe wie ein gemeinsamer Körper erscheint.
Die reduzierte Szenografie lenkt den Blick auf Rhythmus, Dynamik und Gruppenkonstellationen. Unterschiedlich farbige Oberteile machen die einzelnen Performenden innerhalb der Gesamtformation sichtbar, während ähnliche dunkle Hosen und helle Schuhe zugleich ein gemeinsames visuelles Grundbild herstellen.
Inhalt & Deutung
Zwischen Weitermachen und Stillstand.
„Keep on dancing“ lässt sich als Bewegung von Ordnung und permanentem Weitermachen über Störung und Zusammenbruch bis hin zu Verdichtung und Stillstand lesen.
Zu Beginn sind die Performenden klar im Raum angeordnet und zugleich Teil eines gemeinsamen Systems. Wiederkehrende Wege, Reihen und Formationen erzeugen den Eindruck von Rhythmus, Regelmäßigkeit und fortgesetzter Bewegung. Einzelne Personen lösen sich immer wieder aus dieser Ordnung, während andere ihren Ablauf fortsetzen.
Im Verlauf verändert sich dieses Verhältnis. Körper sinken zu Boden, Bewegungen brechen ab, Distanzen zwischen den Performenden verschieben sich und die Gruppe reagiert auf Personen, die nicht mehr im gleichen Rhythmus weitermachen. Aus dem bloßen Nebeneinander entsteht damit zunehmend die Frage, wie eine Gemeinschaft mit Störung, Erschöpfung und Stillstand umgeht.
Der Titel „Keep on dancing“ trägt bewusst eine doppelte Bedeutung: Einerseits steht er für das Weitermachen trotz Widerständen. Gleichzeitig formuliert er einen gesellschaftlichen Imperativ – immer weiter funktionieren, leisten und sich anpassen zu müssen, selbst wenn einzelne Menschen aus dem gemeinsamen Takt geraten.
Ordnung & Wiederholung
Klare Reihen, gemeinsame Bewegungsrichtungen und wiederkehrende Abläufe prägen den Anfang. Die Gruppe erscheint als strukturiertes System, innerhalb dessen einzelne Personen sichtbar bleiben.
Individuum & Kollektiv
Immer wieder verlassen einzelne Performende gemeinsame Formationen oder nehmen andere körperliche Zustände ein als der Rest. Dadurch wird das Verhältnis zwischen persönlichem Rhythmus und Gruppendynamik zum zentralen visuellen Motiv.
Bruch & Erschöpfung
Wenn Körper am Boden bleiben oder Bewegungsabläufe nicht mehr fortsetzen, verändert sich die Bedeutung der übrigen Bewegung. Der gemeinsame Rhythmus wirkt nicht mehr selbstverständlich, sondern wird fragil.
Gemeinschaft & Fürsorge
Im späteren Verlauf rücken die Körper enger zusammen. Die Inszenierung kann dadurch als Entwicklung von einem nebeneinander funktionierenden Kollektiv hin zu einer Gemeinschaft gelesen werden, die den Zustand der anderen stärker wahrnimmt.
Stillstand als Gegenbild
Zum Ende hin werden die Bewegungen kleiner und die Bilder dichter. Der Stillstand steht damit nicht einfach für ein Ende, sondern bildet einen bewussten Gegenpol zum ständigen Weiterlaufen.
Leistungsdruck & gesellschaftlicher Zwang
Die Produktion setzt sich bewusst mit Leistungsdruck, gesellschaftlichem Zwang und dem Gefühl auseinander, permanent funktionieren zu müssen. Die wiederkehrenden Bewegungsmuster und das fortgesetzte „Weitermachen“ machen sichtbar, wie Menschen innerhalb gesellschaftlicher Systeme unter Druck geraten können.
Kapitalismuskritik
Eine weitere bewusst angelegte Ebene ist die Kritik an kapitalistischen Leistungs- und Verwertungslogiken. „Keep on dancing“ fragt, was passiert, wenn Weiterleistung zum Normalzustand wird und der Wert eines Menschen daran gekoppelt erscheint, ob er noch mithalten und funktionieren kann.
Aufführungsmitschnitt
Was in der Inszenierung sichtbar wird.
Ensemble & Formationen
Der Mitschnitt arbeitet immer wieder mit klaren Gruppenbildern. Reihen und Linien lösen sich auf, einzelne Performende treten aus der Formation heraus und kehren zurück, bevor sich das Ensemble erneut zu einem gemeinsamen Bild verdichtet.
Bewegungssprache
Das Bewegungsmaterial reicht von schnellen Laufwegen und großen Richtungswechseln über gebeugte und kauernde Positionen bis zu knienden, sitzenden und liegenden Bildern. Dadurch verändert sich die Energie des Raumes fortlaufend.
Zwischen Individuum und Gruppe
Mehrfach stehen einzelne Aktionen gleichzeitig neben einer geordneten Gruppe. Andere Momente führen die Performenden sehr eng zusammen. Gerade dieser Wechsel macht das Verhältnis zwischen Einzelperson und Ensemble zu einem sichtbaren Bestandteil der Choreografie.
Reduzierter Bühnenraum
Die Bühne bleibt im Mitschnitt weitgehend frei. Statt eines ausgeprägten Bühnenbildes bestimmen Position, Abstand, Richtung und Bewegung der Körper die räumliche Gestaltung der Aufführung.
Farbe als Orientierung
Kräftige Oberteile in unterschiedlichen Farben setzen einzelne Performende voneinander ab. Gleichzeitig entsteht durch die vergleichbare Grundsilhouette der Kleidung ein zusammenhängendes Ensemblebild.
Licht & Verdichtung
Während große Teile des Mitschnitts in einer warmen Bühnenbeleuchtung spielen, werden spätere Passagen deutlich dunkler und teilweise rötlich beleuchtet. Parallel verdichten sich die Körperbilder stärker am Boden und in engeren Gruppen.
Festival & Aufführung
Ein kurzes Format für eine konzentrierte Arbeit.
21. Januar 2023
„Keep on dancing“ stand am 21. Januar 2023 um 23:00 Uhr im Programm des Festivals „fünfzehnminuten“.
WerksHalle der TanzFaktur
Gespielt wurde in Köln in der WerksHalle der TanzFaktur. Das Festival präsentierte kurze Bühnenformate; der Eintritt war frei.
